GASTBEITRAG

Krisen im Netz frühzeitig erkennen

Jan Wolter

Wann setzt in Ihrem Verband die Krisenkommunikation ein? Wenn die BILD-Zeitung Korruption oder Kartellvergehen in Ihrer Branche anprangert? Wenn der SPIEGEL über miese Arbeitsbedingungen in Ihrer Branche klagt? Wenn Tages- und Wirtschaftspresse Ihren Mitgliedern Umweltverschmutzung, Menschenrechtsverstöße oder anderes zur Last legen? Wenn Ihr Verband als Ausgangspunkt für einen Hackerangriff auf eine ganze Branche ausgemacht wird?

In all diesen Fällen würden Sie sicherlich an entsprechenden Kommunikationsmaßnahmen feilen. Sie hätten zum Hörer gegriffen, eine Kommunikationsagentur angerufen und um Unterstützung gebeten. Das wäre alles richtig, aber in all diesen Fällen blieben Sie die Getriebenen. Sie hätten nicht das Heft des Handelns in der Hand und Sie liefen den Ereignissen hinterher. Sie würden reagieren.

Oftmals lässt sich das sicherlich kaum vermeiden. Wenn ein investigativer Journalist über Monate oder Jahre recherchiert hat und dann auf einen Schlag seine Erkenntnisse publiziert, dann können Sie das kaum planen oder auch nur vorausahnen. Oder vielleicht doch?

Manche Krisen kündigen sich an

Aktivisten stellen eine Branche an den Pranger und ihre Botschaft nimmt langsam aber beständig Fahrt auf. In einem vielleicht wenig beachteten Forum wird kritisch über ein Unternehmen diskutiert – und dann greift ein Influencer das Thema auf. NGOs kündigen Aktionen auf ihren Seiten oder über Twitter an und sammeln Unterstützung ein. Auf Arbeitgeberportalen mehren sich kritische Äußerungen und schließlich kippt die Stimmung.

Im besten Fall gewinnt man an Reputation: »Die hören zu!«

Selten bricht ein sogenannter Shitstorm von einer Sekunde auf die andere los. Er braut sich langsam zusammen. Wer über die richtigen Sensoren verfügt, kann die Entwicklungen – ähnlich der Wetterbeobachtung – nachvollziehen. Auch kann prognostiziert werden, ob ein Sturm, der vielleicht über einem ganz anderen Unternehmen oder einer anderen Branche tobt, nicht auch über die eigene Branche oder gar das eigene Unternehmen hereinbrechen wird.

Und auch Enthüllungsstorys haben eine Vorgeschichte. So werden Journalisten nicht zuletzt über Internetrecherchen auf Themen aufmerksam.

Wer diese Themen ebenfalls auf dem Schirm hat, kann sich entsprechend vorbereiten. Dafür bedarf es einer intelligenten Frühaufklärung.

Von Reaktion auf Aktion umschalten

Eine solche intelligente Frühaufklärung erlaubt es nicht nur, Krisenreaktionspläne in der Schublade bereitzuhalten. Vielmehr können potenzielle Gefahren auch aktiv angegangen und womöglich ausgeschaltet werden. Wer sich frühzeitig in eine Diskussion einklinken kann, schafft es womöglich nicht nur, eine Krise abzumildern oder zu verhindern. Im besten Fall gewinnt man als Verband zusätzlich an Reputation: „Die hören zu!“ – „Die nehmen einen ernst!“

Gefahren erkennen und ausschalten

Potenzielle Gefahren liegen jedoch nicht nur bei Protestaufrufen oder kritischen Äußerungen. Von Unternehmen und Verbänden liegen enorme Mengen an Informationen im Netz, die dort besser nicht aufzufinden wären. Sitzungsprotokolle, interne Betriebsanweisungen, Pläne, Zeichnungen und vieles mehr. Besonders kritisch sind sogenannte Data Breaches (siehe Infokasten).

Als Unternehmen muss ich daher wissen, welche Daten von mir draußen verfügbar sind. Ebenso als Verband. Und vielmehr noch sollte ein Verband auch entsprechende Kenntnisse über seine Branche haben. Und er sollte seine Mitglieder auf die Gefahren aufmerksam machen – die in den allerseltensten Fällen Ahnung von diesen Themen haben. Finden Sie die Schwachpunkte, bevor andere es tun!

In der Krise stets aktuell bleiben

Sensoren im Netz sind wichtig für die Früherkennung. In der Krise sind sie überlebenswichtig. Ist der Sturm erst einmal losgebrochen, muss ich wissen, wann es wo welche Einschläge gibt und sofort darauf reagieren. Ich muss wissen, was passiert und wer dahintersteckt. Um in der Krise nicht noch Zeit mit der Suche nach geeigneten Sensoren und deren Aufstellung und Ausrichtung zu verbringen, sollte man sich im Vorfeld damit auseinandersetzen.

Immer einen Schritt voraus sein

Zusammengefasst: Behalten Sie wichtige Akteure wie Aktivisten, NGOs, Influencer im Blick! Beobachten Sie Arbeitgeber- und ähnliche Bewertungsportale! Werfen Sie einen Blick ins Deep Web, um zu wissen, welche Informationen über Ihren Verband und Ihre Branche draußen sind, die dort lieber nicht sein sollten! Kommen Sie vor die Lage!

Data Breaches

Mitarbeiter melden sich mit ihrer geschäftlichen E-Mail-Adresse oftmals bei unterschiedlichsten Seiten an: Karrierenetzwerke wie LinkedIn oder XING, Buchungsportale, Shoppingseiten, aber auch Seitensprungportale und vieles mehr. Werden diese Seiten gehackt, liegen die Anmeldedaten (E-Mail-Adresse und Passwort) in dunklen, anonymen Foren, wo sie grundsätzlich mehr oder minder jedem zugänglich sind. Möchte jemand einem Unternehmen oder Verband schaden, sucht er nach dessen E-Mail-Adressen in diesen Datenbanken. Damit stehen ihm auf einen Schlag unzählige Werkzeuge für gezielte Cyber- oder Social-Engineering-Angriffe, Erpressung etc. zur Verfügung. Vertrauliche Daten können durch die Übernahme von Profilen direkt abgegriffen werden. Sie sollten wissen, was über Sie verfügbar ist!

Wargame

Bereiten Sie sich auf Reputationskrisen und mögliche Desinformationsangriffe gezielt vor! Realistische, verbands- und branchenspezifische Szenarien helfen, die Reaktionsfähigkeit der eigenen Organisation zu testen und sich auf mögliche künftige Ereignisse besser vorzubereiten. Hoher Lern- und Spaßfaktor sind garantiert! Für eine realistische Ausrichtung empfiehlt sich vorab eine Bestandsaufnahme etwa der Data Breaches.

Jan Wolter
Head of Business Development complexium GmbH

Er war 13 Jahre im Verbandsgeschäft tätig, davon die letzten fünf als Geschäftsführer des ASW Bundesverbands. Gemeinsam mit complexium veröffentlichte er Ende 2017 die Sicherheitsstudie #Desinformation. Seit Anfang 2019 leitet er bei complexium die Geschäftsentwicklung.

Jetzt PDF downloaden: Diesen Artikel finden Sie im Verbandsstrategen Ausgabe #79 2019, S. 18.

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